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Rathenower Samariter Christoph John befreit Mann aus versunkenem Auto

„Ich habe nicht überlegt, nur noch gehandelt“

Es ist Ende September, die Tage werden kürzer, die Nächte kälter, als um 19 Uhr ein Wagen innerhalb weniger Minuten im Rathenower Stadtkanal versinkt. Nur das Autodach schimmert an der Wasseroberfläche, der Warnblinker leuchtet. Die Havel ist an dieser Stelle drei Meter tief, der Fahrer kann sich nicht selbst befreien. Anwohner alarmieren den Rettungsdienst. Eine Situation, die man aus klassischen Actionfilmszenen kennt. Für die Samariter aus Rathenow ist diese Situation plötzlich Realität.

Christoph John und Ulf Eichmann haben an diesem Tag Dienst. Ein erfahrenes und eingespieltes Team. Beide arbeiten hauptamtlich im Rettungsdienst der Havelland Kliniken. Ehrenamtlich engagieren sie sich seit vielen Jahren im ASB Rathenow. Sie sind gerade auf dem Rückweg von einem Einsatz, als sie die Alarmierung erhalten. Sie schalten das Blaulicht ein und legen die kurze Strecke zum Unglücksort zurück. Der Warnblinker gibt den verunglückten Wagen in der einsetzenden Dämmerung zu erkennen, kleine Luftblasen steigen auf. Ein Notarzt ist bereits zur Stelle, weitere Einheiten der Feuerwehr, des THW, der Taucherstaffel des ASB Rathenows und der Polizei sind alarmiert. Für den eingeschlossenen Fahrer zählt jetzt jede Sekunde. Christoph John zögert nicht, er zieht alle schweren Kleidungsstücke und die Stiefel aus, steigt nur mit T-Shirt und Boxershorts ins 17 Grad kalte Wasser. „Ich habe nicht überlegt, nur noch gehandelt,“ erzählt er später. John ist angehender Rettungstaucher. Seine Ausbildung absolviert er in der Taucherstaffel der Rathenower Samariter. “Ich schwamm zum Auto und kletterte aufs Dach. Dann habe ich versucht die Fahrertür zu öffnen – keine Chance, der Wasserdruck war einfach zu hoch.“ Der Fahrer ist jetzt bereits seit vier Minuten unter Wasser.

Während John zum Auto schwimmt, holt sein Kollege Ulf Eichmann die benötigten Rettungsmittel aus dem Auto. Dann kommt ein Polizist John zu Hilfe – ebenfalls ein ehrenamtlicher Rettungstaucher. Beide versuchen nun die Scheibe einzuschlagen. Auch das vergeblich. Schließlich gelingt es ihnen mit vereinten Kräften die Fahrertür so weit zu öffnen, dass sie den Fahrer befreien können. Inzwischen sind weitere ehrenamtliche Einsatzkräfte der ASB-Taucherstaffel und des Rettungsdienstes eingetroffen, unter ihnen die beiden Samariter Andreas Kühne und Reiner John, Christophs Vater. Er wirft den beiden im Wasser den „CombiCarrier“ zu – ein Rettungsbrett mit Auftrieb. „Darauf haben wir den Mann dann zum Ufer transportiert“, erinnert sich John. „Er atmete nicht.“ Etwa zehn Minuten sind inzwischen vergangen, die Überlebenschancen schwindend gering. Über die Kaimauer bekommen sie ihn nicht aus dem Wasser. „Wir wollten ihn mit einem Fixierungsgurt hochziehen. Das schafften wir nicht. Das Wasser war sehr kalt und unsere Körpertemperatur mittlerweile runter. Wir spürten unsere Finger nicht mehr.“ John und sein Kollege müssen an der Mauer entlang bis zum flacheren Ufer schwimmen. Jede Sekunde zählt.

Dort erwarten sie bereits weitere Rettungskräfte. Der Fahrer des Autos hat an diesem Tag viele Schutzengel um sich rum. Samariter Andreas Kühne, ursprünglich als Taucher zum Einsatz gerufen, ist hauptberuflich ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Havelland. Sofort beginnt er mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung. Sechs Personen reanimieren den leblosen Mann im Wechsel – nach 13 Minuten dann das kleine Wunder: ein Herzschlag setzt ein. Der Mann wird ins Krankenhaus gebracht. Für Christoph ist der Einsatz am Ufer beendet. Seine Schicht an diesem Septembertag aber nicht. Vier Mal noch rückten er und sein Kollege Ulf Eichmann in dieser Nacht aus.

 

Text: Cindy Schönknecht